Portrait II

…Ungeachtet der Länge des Lebens
hat der Lebenslauf kurz zu sein.
Geboten sind Bündigkeit und eine Auswahl von Fakten.
Die Landschaften sind durch Anschriften zu ersetzen,
labile Erinnerungen durch konstante Daten.
Von allen Lieben genügt die eheliche,
nur die geborenen Kinder zählen.
Wichtig ist, wer dich kennt, nicht, wen du kennst.
Reisen, nur die ins Ausland.
Zugehörig wozu, aber ohne weshalb.
Preise, ohne wofür.
Schreibe, als hättest du niemals mit dir gesprochen
und dich von weitem gemieden.
Umgehe mit Schweigen Hunde, Katzen und Vögel,
den Erinnerungskleinkram, Freunde und Träume.
Der Preis gilt, nicht der Wert,
der Titel, nicht der Inhalt,
die Schuhgröße, und nicht wo
der Mensch, für den man dich hält, hingeht.
Dazu eine Photographie mit entblößtem Ohr.
Wichtig ist seine Form, nicht, was es hört…
— 

Aus: Schreiben eines Lebenslaufs (Wislawa Szymborska)
 
 

 

Wer einen Lebenslauf hat, braucht keinen. wer einen Lebenslauf braucht, hat keinen.

Wenn „Karriere“ Preise, große Namen und Reisen bedeutet, habe ich keine Karriere gemacht.
Im Studium war ich gar nicht erfolgreich, ich habe mein Diplom „mit dem Prädikat bestanden bestanden“ (kein Witz!). Danach habe ich immer wieder Unterricht genommen in der Hoffnung, endlich das Singen zu lernen und seit einiger Zeit bin ich wieder dabei, mit meinem wunderbaren Kollegen Jörn Dopfer zu arbeiten – das Suchen hört nie auf!
Vieles von dem, was ich mir vorgenommen oder erhofft hatte, ist mir nicht gelungen, dabei waren meine Wünsche eigentlich vergleichsweise bescheiden – ich hätte gern im Rundfunkchor gesungen und vielleicht irgendwann an einer Hochschule unterrichtet – allerdings sollte das alles in Hamburg stattfinden. Diese Stadt wollte ich nie verlassen, daran wird sich nun auch nichts mehr ändern.
Erstaunlicherweise singe ich trotzdem seit über 30 Jahren meine Konzerte.

Das Auf und Ab des Lebens habe ich in vielen Facetten erfahren. Ich habe intensive Freundschaften gepflegt, hatte das Glück, sehr viel für meine Kinder da sein zu können, habe Menschen durch schwere Krankheiten und auch in den Tod begleitet, dramatische Abschiede und Trennungen erlebt.
Um ein erlebnisreiches Leben zu führen, musste und muss ich nicht einmal mein Haus verlassen. Es kommen so viele wunderbare Menschen zu mir, jeder bringt seine Geschichte mit.
Die Vereinbarkeit von Beruf und Familie war nie ein Thema – während ich übe oder unterrichte, sind Haus und Garten voller Kinder, alle Beteiligten kennen das und es hat überwiegend gut funktioniert.

Seit einiger Zeit habe ich die 50 überschritten. Damit bin ich nicht mehr jung, habe aber hoffentlich noch etliche Jahre vor mir, in denen ich so lange und viel wie möglich singen und unterrichten möchte. Bis jetzt merke ich glücklicherweise noch keinen Qualitätsverlust durch das Altern, eher im Gegenteil – je länger ich suche, desto näher komme ich meinem Ideal von Klarheit, Wärme und Größe. Dafür bin ich sehr dankbar!