Lied

LIED

Im Laufe meines Sängerlebens habe ich mich durchgehend intensiv mit Liedkompositionen befasst.
Der Liedgesang gilt als die höchste Stufe der Gesangskunst. Das Kunstlied erfordert Klarheit der Stimme, absolute technische Souveränität, äußerste Textverständlichkeit, feinste Nuancen und höchste klangliche Differenziertheit. Im Kunstlied wechseln Emotionen von Wort zu Wort, werden auf kleinstem Raum Welten entfaltet, Romane in wenigen Sätzen komprimiert. Der Text wird nicht wie in Arien ständig wiederholt, es gibt nur eine einzige Chance, dem Zuhörer den Inhalt eines Liedes zu vermitteln, der Sänger kann sich nicht hinter Lautstärke, hohen Tönen oder schnellen Koloraturen verstecken, vor allem geht es um „Tiefe des Ausdrucks“. Wer sich einen Liederabend anhört, erwartet nicht eine artistische Demonstration oder ein Feuerwerk von Effekten – das Publikum, das sich auf diese subtile Kunstform einlässt, will in seinem tiefsten Inneren berührt werden, nicht über zirkusartige Höchstleistungen staunen.
Je länger man lebt, desto häufiger hat man die in den Texten beschriebenen Erfahrungen auch schon gemacht. Wenn die Erfahrungen zu nah, zu frisch sind, ist es schwer, dementsprechende Texte zu singen wie Frauenliebe und -leben, das Brahms-Requiem „Ihr habt nun Traurigkeit“ oder Hugo Wolf – „geh zu dem Liebchen, das dir mehr gefällt“. Wenn die Erlebnisse sich gesetzt haben, dann kann man die betreffenden Texte hoffentlich souverän präsentieren. Das ist vermutlich das Geheimnis des „reifen Künstlers“.